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Die steinzeitlichen Wurzeln der Schriftzeichen

Prof. Dr. Ludwig Morenz, Ägyptologe an der Universität Bonn: Das Bild auf dem Computerschirm zeigt ein frühneolithisches Zeichentäfelchen mit den Elementen Hand und Schlange. (c) Foto: Barbara Frommann/Uni Bonn
Prof. Dr. Ludwig Morenz,
Ägyptologe an der Universität Bonn: Das Bild auf dem Computerschirm zeigt ein frühneolithisches Zeichentäfelchen mit den Elementen Hand und Schlange. (c) Foto: Barbara Frommann/Uni Bonn

Bereits vor 12.000 Jahren erschufen Steinzeitmenschen auf dem Berg Göbekli Tepe in der heutigen Türkei ein Höhenheiligtum, das sich einer entwickelten Bildsprache bediente. Prof. Dr. Ludwig Morenz, Ägyptologe an der Universität Bonn, stellt in seinem Buch dar, wie diese frühen Vorläufer der Schriftzeichen zu einer kulturellen Revolution im Denken und Handeln der Menschen führte.

Seit Urzeiten hat sich der Mensch für die Nachwelt verewigt: Vor Jahrzehntausenden hinterließen eiszeitliche Jäger ihre Höhlenmalereien. Über abstrakte Bildzeichen ging die Entwicklung allmählich weiter bis zur Schrift. Bereits vor mehr als 5.000 Jahren verwendeten die Altägypter Hieroglyphen als älteste Schriftzeichen. „Wie sich abstrakte Bildzeichen in Schriftzeichen wandelten, lag lange weitgehend im Dunkeln“, sagt Prof. Dr. Ludwig Morenz von der Abteilung für Ägyptologie der Universität Bonn.

Mit den Grabungen des Deutschen Archäologischen Instituts unter der Leitung von Prof. Dr. Klaus Schmidt von der Universität Erlangen-Nürnberg auf dem Berg Göbekli Tepe in Südanatolien kam ein steinzeitliches Heiligtum zum Vorschein. Nahe der heutigen türkischen Stadt Sanliurfa – dem antiken Edessa – errichteten Menschen gegen Ende der Eiszeit vor rund 12.000 Jahren mehrere monumentale Ringanlagen, die von T-förmigen, aus Kalkstein gefertigten Pfeilern beherrscht werden.

Fehlendes Bindeglied zwischen Bildern und Schrift

„Das Höhenheiligtum ist so etwas wie das fehlende Bindeglied zwischen Bildern und den ersten Schriftzeichen“, sagt Prof. Morenz, der zusammen mit Prof. Schmidt mehrere Jahre lang die in Göbekli Tepe entdeckten frühneolithischen Zeichen untersuchte. „Sie erlauben neue Einsichten in historische Tiefen der menschlichen Kommunikation.“ Häufig finden sich auf den T-Pfeilern in Flachreliefen dargestellte Tiere, darunter Schlangen, Skorpione, Füchse, Kraniche, Gazellen und Wildesel. Außerdem gibt es stärker abstrahierte Zeichen wie Tiere, Hände oder die Kombination aus Mondscheibe und -sichel.

„Es handelt sich dabei um einen Sprung in eine neue mediale Welt“, sagt der Experte für Bildersprache und Zeichentheorie. Immerhin sei diese frühe Form der Bildzeichen mehr als doppelt so alt wie die ältesten Schriftzeichen der Altägypter. Zum Ende der Eiszeit wurden Grundlagen gelegt, auf denen die spätere kulturelle Revolution aufbauen konnte. Prof. Morenz: „Göbekli Tepe steht für die Entwicklung von reinen Bildern zur Kodierung von darüber hinaus gehender Bedeutung.“ Während es sich bei der Darstellung eines Stieres etwa in der Höhle von Altamira in Spanien um das direkte Abbild des Tieres handelt, sei ein Stierkopf in dem Höhenheiligtum der Türkei von der primären Bildbedeutung losgelöst als abstraktes Symbol für eine Gottheit zu verstehen.

Bereits vor 12.000 Jahren gab es ein einheitliches Zeichensystem

Der Ägyptologe der Universität Bonn untermauert seine These mit der Tatsache, dass insgesamt rund 20 verschiedene Bildzeichen in ähnlicher Form auch noch in anderen frühneolithischen Fundorten im Umkreis von 150 Kilometern um das Höhenheiligtum Göbekli Tepe herum entdeckt wurden. In dieser fruchtbaren Landschaft zwischen den Oberläufen von Euphrat und Tigris wurden Menschen früh sesshaft. Sie teilten in den verschiedenen Siedlungen mit leichten Abwandlungen die gleichen Bildzeichen. „Das kann kein Zufall sein, die Menschen dieses Kulturraumes müssen sich auf ein einheitliches Zeichensystem geeinigt haben“, ist Prof. Morenz überzeugt.

Die Bildzeichen könnten gleichzeitig mehrere Bedeutungen haben: Ein Schlange stehe einerseits für Bedrohung, könne aber auch als Zeichen für etwas Abwesendes verstanden werden – weil der Abdruck der Schlange im Sand verbleibt, wenn das Tier längst weitergezogen ist. Das Abbild einer abstrahierten Hand lasse sich als Geste – etwa von Abwehr – interpretieren. Manche Zeichen waren in kleine, flache Steine geritzt – quasi als „Heiligtum für die Hosentasche“. „Bei dieser frühen Bildsprache handelt es sich aber noch um keine Schriftzeichen“, stellt Prof. Morenz fest. Schriftzeichen seien noch einmal deutlich differenzierter und umfassten auch die lautliche Dimension, das heißt wie ein bestimmtes Zeichen ausgesprochen wird.

Göbekli Tepe zeigt nach den Untersuchungen des Ägyptologen eindrücklich, wie komplex und spezialisiert bereits die steinzeitliche Gesellschaft vor rund 12.000 Jahren war. „Der Gebrauch von Sprache, Hand und Hirn gingen mit einander einher“, sagt Prof. Morenz. In dem Maß, wie sich die Menschen damals mit großem handwerklichen und intellektuellem Geschick eine abstrakte Bildsprache schufen, drangen sie jenseits der Herausforderungen des Alltags in religiöse Sphären vor und stellten sich bereits den Grundfragen der Menschheit nach dem Jenseits. „Es handelt sich um den Beginn der medialen Entwicklung und um den Aufbruch in neue Denkräume“, sagt Prof. Morenz.

Publikation: Ludwig D. Morenz: Medienevolution und die Gewinnung neuer Denkräume. Das frühneolithische Zeichensystem (10./9. Jt. v. Chr.) und seine Folgen, Studia Euphratica, Bd. 1, EB-Verlag Berlin, 294 S., 58 Euro.

Quelle/Text/Redaktion: uni-bonn.de

Einblicke in die Genetik der Immunantwort

Wissenschaftler der Universität Bonn und des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München haben eine Reihe von Genvarianten identifiziert, die bei der angeborenen Immunabwehr eine Rolle spielen. Sie nutzten dazu eine Methode, mit der sie die Antwort menschlicher Abwehrzellen auf bakterielle Moleküle allumfassend beobachten konnten. Die gewonnenen Erkenntnisse tragen zum Verständnis der zellbiologischen Vorgänge bei einer Vielzahl von immunologischen Krankheiten bei. Die Studie erscheint in Kürze in der Zeitschrift Nature Communications.

Die Medizin kennt inzwischen eine ganze Reihe von Genvarianten, die die Funktion einzelner zellulärer Prozesse beeinträchtigen. Oft handelt es sich dabei nur um winzige Abweichungen, so genannte Einzelnukleotid-Polymorphismen (SNP, für englisch Single Nucleotide Polymorphism). Diese SNPs sind über das gesamte Erbgut verteilt. Sie machen den Hauptteil der genetischen Variabilität aus und sind ein wesentlicher Grund dafür, warum Individuen unterschiedlich sind.

Die genaue Funktion der meisten SNPs ist jedoch noch völlig unbekannt. Man kennt zwar mittlerweile eine Reihe von „Risiko-SNPs“, die bei bestimmten Erkrankungen gehäuft vorkommen. Die zugrunde liegende Störung im Prozessablauf einer Zelle ist allein daraus jedoch nicht ersichtlich. Es ist etwa so, als würde ein Mechaniker die zerlegten Bestandteile einer Maschine betrachten. Er sieht zwar, dass ein Zahnrädchen kaputt ist; er weiß aber nicht, wo es hingehört und was es dort genau macht. Da viele Erkrankungen eng mit dem Immunsystem verknüpft sind, wäre jedoch eine genaue Zuordnung einzelner SNPs zu Funktionen in Immunzellen wünschenswert. Damit würde man zum einen die Ursache dieser Krankheiten besser verstehen. Außerdem wäre es so leichter möglich, zielgerichtete Medikamente zu entwickeln.

Dank einer neuen Methode sind die Wissenschaftler der Universität Bonn der Antwort auf diese Frage ein Stück näher gekommen. Die Forscher haben Abwehrzellen aus dem Blut von knapp 140 Versuchspersonen isoliert, so genannte Monozyten. Monozyten verfügen über Sensoren, die typische Bestandteile von Krankheitserregern erkennen und dann Alarm schlagen. Durch ihre wichtige Funktion sind Monozyten aber auch häufig an der Entstehung von Krankheiten beteiligt, bei denen es zu einer fehlgesteuerten Entzündungsreaktion kommt.

Alarmstimmung in der Abwehrzelle

Ein wichtiger Sensor in Monozyten ist der TLR4-Rezeptor. Er reagiert auf komplex aufgebaute Zucker-Fett-Verbindungen, die in der Wand bestimmter Bakterien vorkommen. Die Immunologen gaben diese bakteriellen Verbindungen zu ihren Monozyten.

Die Abwehrzellen schlugen daraufhin Alarm und aktivierten eine ganze Reihe von Genen. Die Bonner Forscher verglichen nun die aktivierten Gene vor und nach Zugabe der Bakterien-Bestandteile. „Wir konnten so genau erkennen, welche Erbanlagen im Alarmfall in den Monozyten aktiviert werden“, erläutert Professor Dr. Veit Hornung vom Institut für Molekulare Medizin der Universität Bonn. Bildlich gesprochen: Der Mechaniker kennt nun die Zahnräder, die dafür sorgen, dass seine Maschine funktioniert. Er weiß aber noch immer nicht, welche Funktion das einzelne Rädchen übernimmt oder was passiert, wenn es kaputt geht. Um diese Frage zu beantworten, suchten die Wissenschaftler im Erbgut ihrer 140 Probanden nach SNPs, die einen direkten Einfluss auf die Genaktivität in den betroffenen Abwehrzellen hatten.

„Wir konnten eine ganze Reihe von SNPs identifizieren, die die Immunantwort steuern“, erklärt Privatdozent Dr. Johannes Schumacher, Humangenetiker an der Universität Bonn. „So gibt es beispielsweise einen SNP, der an der Steuerung des Immunsystems beteiligt ist und von dem bereits bekannt war, dass er das Risiko erhöht, an einer primär biliären Zirrhose zu erkranken. Dabei handelt es sich um eine schwere Autoimmunerkrankung der Leber. Dank unserer Arbeit können wir jetzt sagen, was dieser SNP in den Monozyten genau bewirkt und welche Genaktivitäten er beeinflusst.“

Kooperation zwischen Immunologie und Humangenetik

Mit ausschlaggebend für den Erfolg ist das besondere Forschungsprofil der Uni Bonn: Immunologie und Humangenetik sind zwei herausragende Schwerpunkte der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität. Wichtiger Partner war zudem das Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München.

„Die Gemeinschaftsarbeit erlaubt einen tiefen Einblick in die Funktionsweise des angeborenen Immunsystems“, macht Dr. Sarah Kim deutlich, die sowohl als Immunologin und Humangenetikerin an der Universität Bonn forscht. Die Wissenschaftler hoffen, dass sich ihre Erkenntnisse irgendwann auch in der medizinischen Praxis niederschlagen. Prof. Hornung: „Die funktionelle Kartierung des Erbguts ist eine wichtige Strategie für die Entwicklung neuer Medikamente.“

Publikation: Sarah Kim et. al.: Characterizing the genetic basis of innate immune response in TLR4-activated human monocytes; Nature communications; doi: 10.1038/ncomms6236

Quelle/Text/Redaktion: uni-bonn.de

Ist der Einsatz von Folter gerechtfertigt?

Katrin Dauenhauer ist Absolventin des Nordamerikastudienprogramms der Universität Bonn. Sie schrieb eine Dissertation über Debatten zu Menschenrechtsverletzungen der USA. (c) Foto: Barbara Frommann/Uni Bonn
Katrin Dauenhauer
ist Absolventin des Nordamerikastudienprogramms der Universität Bonn. Sie schrieb eine Dissertation über Debatten zu Menschenrechtsverletzungen der USA. (c) Foto: Barbara Frommann/Uni Bonn

9/11 und die Folterdiskussion

Ist der Einsatz von Folter jemals gerechtfertigt, um eine vermeintlich große Bedrohung abzuwenden? Seit dem Einsatz des „Water-Boarding“ durch die USA und der Veröffentlichung von Bildern misshandelter irakischer Gefangener im Abu-Ghraib-Gefängnis wird darüber hitzig diskutiert. Die Terroranschläge vom 11. September 2001 würden vorgeschoben, um extreme Formen staatlicher Gewalt zu rechtfertigen, sagt Katrin Dauenhauer, Doktorandin an der Universität Bonn. In ihrer Dissertation hat sie in der amerikanischen Geschichte nach vergleichbaren Ereignissen geforscht und festgestellt, dass das keineswegs ein Einzelfall ist: Wiederholt haben die USA den Einsatz von Folter mit außerordentlichen Lagen gerechtfertigt.

Die Folterbilder aus dem Abu-Ghraib-Gefängnis im Irak gelangten vor zehn Jahren an die Medien, wonach US-amerikanische Angehörige von Militär- und Geheimdiensten sowie private Sicherheitsunternehmen Gefangene misshandelt und gefoltert haben. Zu einem internationalen Aufschrei führten auch Berichte zu der als „Waterboarding“ bezeichneten Foltermethode des simulierten Ertränkens, die während der Präsidentschaft von George W. Bush unter anderem vom US-Geheimdienst CIA beim Verhör von Terrorverdächtigen eingesetzt wurde. Die Geschehnisse hallen bis heute nach: So beschäftigt die Veröffentlichung eines Untersuchungsberichts des Geheimdienstausschusses des US-Senats die Politik in Washington.

Kontroversen um Foltervorwürfe vom 19. Jahrhundert bis heute

Katrin Dauenhauer hat in ihrer auf Englisch verfassten Dissertation „Der Schatten der Folter“ Debatten um gezielte Misshandlungen während Militärinterventionen der USA vom Einsatz in den Philippinen am Ende des 19. Jahrhunderts über den Vietnamkrieg bis heute analysiert. „Im Kern dreht sich meine Arbeit um die Frage, wie der Begriff ‚Folter’ in den jeweiligen Debatten verwendet wird, insbesondere im Vergleich zwischen Handlungen der USA auf der einen und denen des jeweiligen Gegners der USA auf der anderen Seite“, sagt die Absolventin des Nordamerikastudienprogramms der Universität Bonn. „Die Problematik, wie durch die USA verübte Folter gerechtfertigt wird, während zur gleichen Zeit andere Menschenrechtsverletzungen, Folter eingeschlossen, lautstarke Empörung hervorrufen und moralisch verurteilt werden, gibt dabei auch Aufschluss über eine der Fundamentalfragen demokratischer Gesellschaften – der Legitimierung von Gewalt.“ Die Wissenschaftlerin wertete Regierungsdokumente, Medienbeiträge, juristische Texte, Fotografien, Filme und klinische Befunde aus.

9/11 als scheinbare „Stunde Null“

Im Verlauf der gegenwärtigen Folterdebatte werde der Terroranschlag vom 11. September 2001 auf das World Trade Center in New York häufig als Argument für die Rechtfertigung von Folter herangezogen. 9/11 werde als scheinbare „Stunde Null“ aufgebaut, als eine Bedrohungslage, die mit keiner anderen Krise vergleichbar sei. „Eine solche Erklärung ignoriert jedoch völlig die historischen Kontinuitäten. In der Tat wird die Rhetorik einer außerordentlichen Bedrohungslage auch während des philippinisch-amerikanischen Kriegs (1899-1902) und des Vietnam-Kriegs (1964-1973) als Legitimation für die Anwendung von Folter gebraucht“, sagt Dauenhauer.

Waterboarding als „verstärkte Verhörmethode“ beschönigt

Das Rekurrieren auf 9/11 als Ausnahmezustand trage maßgeblich dazu bei, dass die Folter als letztes Mittel in einer noch nie dagewesenen Gefahrenlage legitim erscheint, erläutert die Wissenschaftlerin. Die Debatte würde somit von vorneherein verengt und historische Präzedenzen bewusst ausgeklammert. Gleichzeitig führten Begriffe wie „verstärkte Verhörmethoden“ im Zusammenhang mit „Waterboarding“ zu einer Verharmlosung von Folter. Dauenhauer: „Dies hängt sicherlich damit zusammen, dass die Anwendung von Folter als grundsätzlich ‚unamerikanisch’ abgelehnt wird und somit immer auch negiert werden muss. Im gleichen Zug führt es jedoch zu einer Aushöhlung der UN-Antifolterkonvention sowie des internationalen Menschenrechtsschutzes, der maßgeblich von den USA vorangetrieben wurde.“

Erstaunlicher Grad an Kontinuität

In ihrer Dissertation zeigt die Kulturwissenschaftlerin, wie aktuelle Diskussionen über Folter in den USA durch frühere Debatten und deren historische Kontexte überlagert werden. „Katrin Dauenhauer gewährt durch ihre Kenntnis der US-amerikanischen Geschichte und ihre ausgeprägte Methodenkompetenz tiefe Einblicke in die Prozesse eines kodifizierten Diskurses über Folter. Sie hat dabei auch eine (Medien)Geschichte des ‚Schattens der Folter’ in US-amerikanischen Militärinterventionen vom Ende des 19. Jahrhunderts bis Anfang des 21. Jahrhunderts vorgelegt“, unterstreicht Prof. Dr. Sabine Sielke, die das Promotionsprojekt wissenschaftlich betreut hat.

Publikation: Katrin Dauenhauer: “The Shadow of Torture: Debating US Transgressions in Military Interventions, 1899-2008.” (Ein geeigneter Verlag wird noch gesucht.)

Quelle/Text/Redaktion: uni-bonn.de

Kupferzeitliche Siedlung in Zentralspanien entdeckt

Chalkolitisches Megalithgrab „Dolmen de Azután“ Foto: Felicitas Schmitt/Universität Tübingen
Chalkolitisches Megalithgrab „Dolmen de Azután“ Foto: Felicitas Schmitt/Universität Tübingen

Forscher des Sonderforschungsbereichs RessourcenKulturen (SFB 1070) an der Universität Tübingen haben in Zusammenarbeit mit Kollegen der spanischen Universität Alcalá de Henares ein bislang unbekanntes kupferzeitliches Siedlungszentrum in der Region Azután (Zentralspanien) entdeckt. Bei einer Feldstudie fanden sie auf einer Fläche von rund 90 Hektar Keramik und Steinwerkzeuge, die sie durch typologische Untersuchungen der Kupferzeit zuweisen konnten.

Als Kupferzeit oder Chalkolithikum wird der Zeitraum zwischen der Jungsteinzeit und der frühen Bronzezeit im 3. Jahrtausend vor Christus bezeichnet. Kennzeichnend für diese Epoche waren die Nutzung von Kupfererzen, große befestigte Siedlungen im Südosten der Iberischen Halbinsel sowie eine intensivere Nutzung der Umwelt als noch im Neolithikum. Bislang ging man davon aus, dass die zentralspanische Region um Toledo während des Chalkolithikums nur sporadisch besiedelt war: sie liegt eher ungünstig zwischen zwei Gebirgsmassiven am Lauf des Flusses Tajo, der damals schwer zu überqueren war.

Das bis heute erhaltene „Megalithgrab von Azután“ wies bereits auf Spuren von Menschen im Chalkolithikum hin. Der neue Siedlungsfund liefert nun Hinweise auf eine umfangreiche durchgängige Besiedlung in der Region um Toledo während des vierten und dritten Jahrtausends vor Christus. Zu diesem Schluss gelangte das Forscherteam unter Leitung des Tübinger Archäologen Professor Martin Bartelheim wegen des großen Vorkommens und der Konzentration der Funde. In geomagnetischen Untersuchungen und durch eine gezielte Auswertung von Luftbildern wollen die Wissenschaftler nun Ausmaß und Struktur der Siedlung ermitteln.

Seit den 80er Jahren rückt die Iberische Halbinsel in der chalkolitischen Periode verstärkt ins Interesse der Forschung. „Dank der neuen Funde bei Azután wurde die Annahme bestätigt, dass es auch in Zentralspanien eine intensive Kupferverarbeitung und Besiedlung gab. Bisher glaubte man, dass sich dies weitgehend auf die fruchtbaren Küstenregionen im Süden der Iberischen Halbinsel beschränkte“, sagt Felicitas Schmitt, Doktorandin am SFB RessourcenKulturen. Im nahegelegenen Aldeanueva de San Bartolomé ist eine weitere, vermutlich sogar befestigte Siedlung vorhanden, die auf ein frühes Kupferverarbeitungszentrum hindeutet. Neue Werkzeugfunde im Bereich Azután lassen sich dem Ackerbau und dem Fischfang (Mühlsteine und Netzsenker) zuordnen. Diese Entdeckungen zeigen, dass bereits in der chalkolitischen Gesellschaft eine verstärkte Ausdifferenzierung in verschiedene, komplexe Arbeitsbereiche stattfand, was einen entscheidenden Entwicklungsschritt auf dem Weg zur Herausbildung verschiedener Berufszweige in der kupferzeitlichen Gesellschaft markiert.

Wie die neu entdeckte Siedlung an die Verkehrs- und Handelsrouten der damaligen Zeit in Zentralspanien angebunden war, wird durch Landschaftssurveys erkundet. Bereits jetzt ist die Nähe zu wichtigen Fernverbindungen entlang des Flusstals und quer verlaufender Wege der Wanderhirten auffällig, die seit alters her das zentraliberische Hochland, die Mesetas, durchziehen. In einer Vergleichsstudie untersucht Javier Escudero Carillo, ebenfalls Doktorand des SFB 1070, an der portugiesischen Algarveküste eine weitere kupferzeitliche Siedlung, wodurch sich Parallelen zwischen beiden Regionen aufzeigen lassen. Felicitas Schmitt: „In beiden Regionen finden sich ähnliche Grabbauten, Bestattungsriten und Fundgegenstände. Deshalb gehen wir davon aus, dass Flüsse und Routen von Wanderhirten als Kommunikationswege schon damals eine wichtige Rolle spielten.“

Quelle/Text/Redaktion: www.uni-tuebingen.de

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